Ob ich Angst vor der Intensivstation habe?

Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI) empfiehlt, die so genannte Gebrechlichkeitsskala auf jeder Intensivstation und Notaufnahme als DIN-A-2-Plakat auszuhängen. Darauf prangen Bilder von Menschen mit Stock, mit Rollator und im Rollstuhl. Angeblich handelt es sich bei der Gebrechlichkeitsskala zwar nur um eines von vielen Kriterien, aber wie Stigmatisierungen gegen Menschen mit Behinderungen eingesetzt werden, ist mir aus eigener Anschauung in zahlreichen Fällen genau bekannt. Und nach körperlichen Merkmalen zu entscheiden ist nichts anderes als Selektion. Und die ist ein Erbe des Faschismus, in dem „lebensunwert“ ein gern gebrauchter Begriff war.

Und dann die Triage. Ein Instrument aus den Zeiten des Krieges. Das leichtverletzte Drittel der Soldaten soll allein vom Schlachtfeld humpeln, das letzte Drittel wird aufgegeben und die Glücklichen in der Mitte werden mit den raren medizinischen Mitteln behandelt. Finsteres Mittelalter? Mitnichten. In Spanien und in Kanada wurden Fälle bekannt, in denen Menschen im Pflegeheim aufgegeben wurden, weil die komplette Pflege sich aus Angst vor Ansteckung vom Acker gemacht hatte. Alte Menschen allein und unversorgt sterben zu lassen, ist nichts anderes als Barbarei. In Italien müssen sich furchtbare Szenen abgespielt haben, als die erste Welle der Pandemie ein marodes Gesundheitssystem traf, das z. B. auch Menschen wie mich jahrzehntelang nicht in qualifizierten Kliniken rehabilitieren konnte. Wenn in der Pandemie Kranke auf dem überfüllten Flur verrecken, ist von Humanität nicht mehr die Rede. Und dann wird ausgewählt, darüber entschieden, wer es schaffen könnte und wer nicht.

Ich gehe ausdrücklich nicht davon aus, dass schwer behinderte Menschen auf deutschen Intensivstationen als grundsätzlich „lebensunwert“ eingestuft werden. Aber es besteht die Gefahr, dass, wenn es zur Verknappung von Beatmungskapazitäten kommt, Mittel der Selektion eingesetzt werden. Und – wer noch nicht oft und nicht ernsthaft erkrankt dort war, darf sich das Krankenhaus, geschweige denn die Intensivstation, nicht als Ort menschlicher Zuwendung vorstellen, das gäbe dann ein böses Erwachen. Apparatemedizin wird im Moment niemand kritisieren, viele setzen ihre letzten Hoffnungen darein. Nur bedeutet das, dass Du als schwerkranker Patient in einer Technikhölle aufwachst, wenn Du das Glück hast zu überleben. Vermutlich jede/r aus der tapferen Riege des Pflege- und medizinischen Personals hat extrem viel zu tun, und wenn Zeit übrigbleibt, auf jeden Fall Wichtigeres als einem vor Todesangst zitternden Patienten die Hand zu halten. Und da sind wir wieder: Gestorben wird allein, im Dämmerschlaf, Angehörige haben Besuchsverbot, die Freundin im Zweifelsfall gar keine Rechte…

Ich und meinesgleichen tun also gut daran, die Intensivstation, besser noch gleich das ganze Krankenhaus zu meiden. Wie macht man das? Keine Ahnung. Klar, zu Hause bleiben, möglichst wenig einkaufen, andere schicken, keine Freunde besuchen, keinen Besuch bekommen, nicht singen, nicht tanzen, nicht in die Kirche, nicht in die Kneipe, nicht ins Konzert. Sch… Für wie lange? Keine Ahnung. Vielleicht gibt’s nie eine Impfung, vielleicht schon zu Weihnachten. Ich wüsste gern erst mal mehr. Stimmt es, dass nur 0,37 % der Infizierten sterben (Studie Uni Bonn zu Heinsberg)? Und gehöre ich vielleicht dazu? Dann ist mir die Statistik nämlich schnurz. Und können wir uns mit Masken schützen? Reicht es vielleicht, die Virenlast zu verringern, um nicht ernsthaft zu erkranken?

Klar ist jedenfalls, dass die besondere Lage behinderter Menschen in der Pandemie kaum jemanden interessiert. Pflegedienste nehmen keine neuen Fälle mehr an, Polinnen bleiben zu Hause, weil sie nicht mehr kommen dürfen oder wollen, Assistenten können oder wollen nicht mehr kommen. Familien mit pflegebedürftigen Angehörigen stürzt das in Verzweiflung, niemand hilft ihnen. Heimbewohner, obwohl nicht erkrankt, werden eingesperrt, weil der Träger es so will. Ein Menschenrechtsverstoß. Draußen aber toben schon wieder Familien und Jungsche durch die Parks. Ungefragt wird über das Lebens- und Freiheitsrecht alter und behinderter Menschen diskutiert, nach dem Motto: Wegen der paar ärmlichen Figuren lassen wir uns doch die Wirtschaft und das Wohlleben nicht kaputt machen. In einer Hörfunksendung mit Armin Laschet hagelt es Fragen, nein, nicht nach dem Schutz der Schutzbedürftigen, vornehmlich will Mutti wissen, ob ihre Knaben im Juni mit dem Bus nach Schweden (!) fahren dürfen oder die Kita wieder aufmacht.

Ich mache die Erfahrung, dass mich persönlich niemand außerhalb meiner Familie oder meines engsten Freundeskreises fragt, wie es mir geht. Nachbarn sind unsichtbar, die Kirchengemeinde sondert Gemeinplätze ab. Ansonsten allenthalben nur Schockstarre, Empathie ist mir nicht begegnet. Kein Wunder, schließlich trifft diese Krise auch die Normalos, da sind die Randgruppen abgemeldet. So ein Glück, mir geht es gut. Ich habe Hilfe, werde geliebt, wohne in einem Haus mit Garten. Und was ist mit denen, die das Glück nicht haben?

Natürlich ist meine Stimmung nicht immer die beste, aber im Großen und Ganzen geht es mir gut. Angst aber habe ich nicht nur vor der Intensivstation, im Krankenhaus war ich in meinem Leben insgesamt schon mehrere Jahre, auch da will ich nicht mehr hin. Noch mehr Angst habe ich vor dieser komischen Gesellschaft, die von Nachbarschafthilfe quatscht, aber nur in den Urlaub fliegen will. Und um diese dösige Menschheit, die nicht verstehen will, dass es zum jetzigen Zeitpunkt der Geschichte mehrere Risiken gibt, die ganz schnell zu einer existentiellen Krise, wenn nicht zum Ende unserer Zivilisation führen können. Pandemien, Klimawandel, Umweltgifte, weltweite Computernetzabstürze – alle hervorgerufen durch unsere grenzenlose Gier nach immer mehr. Und da habe ich jetzt schon Mitleid – mit unseren Nachgeborenen. Mit einigen von ihnen bin ich verwandt. Ich würde sie gern beschützen. Ich weiß nur nicht wie.