Alles Glück dieser Erde liegt … auf dem Sitz eines fahrbaren Untersatzes

Ja, einfach nur am Strand sitzen und aufs Wasser starren. Nicht denken, nicht telefonieren, keine E-Mails schreiben. Ich sehnte mich nach Ruhe, die möglicherweise neue Lebensgeister in mir wecken würde. Allerdings lagen vor mir keine zwei Wochen, sondern nur vier Tage. Kurzurlaub in Koserow. Diesmal wollte ich nicht aus dem Rucksack leben, wie ich es gewöhnlich tat, um Gepäck zu sparen. Ich wollte ein paar Klamotten einpacken, in denen ich mich wohlfühlte. Schick aussehen und das nicht nur für den Besuch von „Romeo und Julia“. Doch es fiel mir schwer, zu entscheiden, was tatsächlich in den Koffer sollte. Ich konnte nicht abschalten. Zu viele Dinge waren in der letzten Zeit liegengeblieben und wanderten nun durch meinen Kopf.

Ich startete mit einem übervollen Koffer. Ich musste nur das kleine Stück von meiner Wohnung bis zur Straßenbahn schaffen, ca. 250 Meter. Mit der einen Hand schob ich meinen Koffer vor mir her, mit der anderen stützte ich mich auf eine Krücke und umfasste gleichzeitig die zweite. Auf dem Rostocker Hauptbahnhof waren es nur ein paar Meter bis zum Fahrstuhl, der mich direkt bis zum Gleis brachte. Der Umstieg in Stralsund war zwar etwas mühevoll, aber ich schaffte ihn. Schließlich saß ich in der Usedomer Bäderbahn (UBB), die mich bis zum Zielbahnhof bringen würde, lehnte mich zurück und schaute in den blauen Himmel, an dem keine Wolke zu sehen war.

Koserow liegt auf der schmalsten Stelle der zweitgrößten deutschen Insel, ungefähr in der Mitte zwischen den Kaiserbädern an der Grenze zu Polen und dem Ort Peenemünde am nordwestlichen Ende Usedoms. Ich hatte mich für dieses Ostseebad aus mehreren Gründen entschieden. Zum einen, weil es im Gegensatz zu den drei Kaiserbädern Ahlbeck, Heringsdorf und Bansin einen eher beschaulichen Charakter trägt. Zum anderen wollte ich endlich das Theaterfestival „Klassik am Meer“ besuchen, das seit zwanzig Jahren in der kleinen Dorfkirche stattfindet und mit seiner qualitativ hochwertigen künstlerischen Arbeit eine besondere Bedeutung für das kulturelle Leben in Koserow hat.

Und ich hatte vor, die viel gepriesene Barrierefreiheit dieses Ortes unter die Lupe zu nehmen. Koserow verfügt über ein relativ hohes Angebot an entsprechenden Quartieren und eine zunehmend barrierefreie Infrastruktur. Dadurch ist der Anteil an mobilitätseingeschränkten Gästen in den letzten Jahren in der Gemeinde kontinuierlich gewachsen. Ca. vier Prozent aller Besucher sind schwerbehindert (mehr als 80 GdB) und ca. 23 Prozent sind älter als 65 Jahre.

Meine Wahl war auf das Best Western Hotel Hansekogge gefallen. Nicht, weil das Preis-Leistungs-Verhältnis so günstig gewesen wäre, sondern weil dieses Hotel in der Tat einiges an Serviceleistungen für Menschen mit Mobilitätseinschränkungen zu bieten hat – auch wenn es ihm Frühjahr 2018 in die Schlagzeilen geraten war, weil sich im Restaurant zwei schwere Unfälle mit großen elektrischen Rollstühlen ereignet hatten. So bietet die Hansekogge nicht nur 16 behindertengerechte Rollstuhlappartements und 20 behindertenfreundliche Doppelzimmern an. Es verfügt außerdem über einen für Rollstuhlfahrer zugänglichen Wellness-Bereich und einen Hilfsmittelverleih. Außerdem kann man sich – gegen ein entsprechendes Entgelt – direkt von der Haustür abholen lassen.

In Koserow angekommen, gönnte ich mir ein Taxi. Beim Einchecken erkundigte ich mich an der Rezeption als erstes danach, ob ich mir für die vier Tage einen Scooter ausleihen könne, denn mir war klar, dass mein Aktionsradius zu Fuß eher bescheiden ausfallen würde. Nein, so kurzfristig wäre das nicht möglich, alle Scooter seien für das Wochenende reserviert, war die Antwort. Einen Handrollstuhl könne ich bekommen. Das aber wollte ich nicht, denn so ein unangepasster Rollstuhl für eine kleine Person wie mir diente nicht unbedingt dazu, die Mobilität zu erhöhen. Ich ärgerte mich ein wenig über mich selbst, dass ich nicht im Vorfeld einen Scooter reserviert hatte, und begab mich per pedes auf den Weg hinunter zum Strand – etwa 300 Meter und dann weiter auf der Promenade zur Seebrücke. Es fanden sich zwar überall Bänke zum Verweilen sowie Cafés und Restaurants für ein kleines Päuschen. Am Ende des Tages war ich trotzdem sehr erschöpft vom Laufen.

In Koserow gibt es überall reetgedeckte Häuschen. Auf dem Foto kann man ein solches Haus mit vielen bunten Blumen sehen.

So beschloss ich am Freitag nach dem Frühstück, doch noch einmal mein Glück zu versuchen und an der Rezeption nachzufragen, ob vielleicht jemand seinen vorbestellten Scooter nicht abgeholt hätte. Und tatsächlich: Ich bekam einen. Für 10 EURO pro Tag. Ein toller Preis, wie ich fand. Ich freute mich so über die gewonnene Freiheit, dass ich sofort zu einer ersten Rundfahrt aufbrach. Innerhalb weniger Minuten war ich am Strand und brauste weiter in Richtung Seebrücke. Wie herrlich war es, auf der insgesamt 261 Meter langen und 2,50 Meter breiten Seebrücke zu stehen und dem Treiben unten am Strand zuzusehen. Ich genoss von oben den wunderbaren Blick über die Ostsee, auch wenn seit 2013 nur der vordere Teil der Brücke zugänglich ist. Ein schwerer Sturm hatte damals große bauliche Schäden verursacht. Für 2018 war eigentlich der Abriss und Neubau sowie eine Erweiterung der Brücke zu einem ganzjährig barrierefrei nutzbaren touristischen Anziehungspunkt geplant. Die Entscheidung darüber, wann das passieren soll, ist allerdings noch immer nicht endgültig gefallen.