Alles Glück dieser Erde liegt … auf dem Sitz eines fahrbaren Untersatzes

Da ich jetzt nicht mehr darüber nachdenken musste, wie weit ich mich vom Hotel entfernen konnte, um auch noch den Rückweg zu schaffen, setzte ich meinen Weg auf dem Scooter fort. Vorbei an einer Fischräucherei, die einen verführerischen Duft verbreitete, landete ich auf dem Deich in Richtung Zempin. Welch ein Hochgefühl! Auf dieser glatten Strecke begegneten mir viele Radfahrer. Schließlich machte mich ein Schild darauf aufmerksam, dass ich mich in der Nähe des Ateliers von Otto Niemeyer-Holstein befand, einem der bedeutendsten deutschen Maler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Das wollte ich mir unbedingt ansehen. Allerdings musste ich dazu eine viel befahrene Bundesstraße überqueren und der Weg vom Deich hinüber zum Atelier war äußerst steil. Ich überlegte eine ganze Weile, ob ich mich mit dem Scooter trauen könnte, diesen abschüssigen Weg hinunterzufahren. Zwei Urlauber bemerkten mein Zögern und sprachen mich an, ob sie mir helfen könnten. Letztendlich sicherten sie mich rechts und links, bis ich das Gefühl hatte, sicher unten anzukommen.

Auf diesem Foto sind zwei weiße Klappstühle und ein Tisch aus Holz zu sehen, Sie stehen im Garten von Otto Niemeyer-Holsteins, einem der bedeutendsten deutschen Maler in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts

Auch wenn der Zugang zu diesem historisch gewachsenen Ensemble von Wohnhaus, Atelier und Garten des Malers mit der 2001 eröffneten Neuen Galerie nicht wirklich barrierefrei ist – ich erlebte eine wunderbare Symbiose von Kunst und Natur. Besonders gefiel mir der Garten mit seiner üppigen Blumenpracht und den darin aufgestellten Skulpturen, auch wenn es mir nicht möglich war, die Gartentür selbständig zu öffnen, und ich mächtig von den Kopfsteinen durchgeschüttelt wurde. Und ich ließ mich inspirieren von der original erhaltenen Wohn- und Arbeitsstätte Otto Niemeyer-Holsteins mit vielen seiner Werke. Dabei beeindruckte mich besonders der Film mit Originalaufnahmen über sein Leben und seine tiefe Verbundenheit zur Natur der Insel.

Ein paar weitere Tipps möchte ich für einen Urlaub in Koserow aussprechen – vor allem eine Spazierfahrt am Achterwasser, den ich mit einem Besuch im Restaurant „Waterblick“ krönte. Dieses Restaurant ist über Usedom hinaus bekannt. Es liegt auf einer kleinen Anhöhe und bietet einen wunderbaren Blick auf das Achterwasser, man kann aber problemlos mit dem Rollstuhl hineinfahren. Ich kann es nur empfehlen, nicht zuletzt deshalb, weil es vor allem Zutaten und Rezepte aus der pommerschen Region verwendet. Der Weg direkt am Achterwasser entlang war allerdings nicht ganz einfach, aber der Scooter schaffte ihn dank seines Motors. Mit einem Handrollstuhl wäre es auch mit Hilfe sehr mühevoll gewesen.

Empfehlenswert ist ebenfalls ein Ausflug mit der Usedomer Bäderbahn (UBB) nach Świnoujście . Diese Stadt liegt auf dem polnischen Teil der Insel Usedom. Ohne Probleme nahm die UBB mich mit dem Scooter mit. Der Einstieg erfolgte über eine mobile Rampe. Auf der Hinfahrt musste ich zwar quer zur Fahrtrichtung stehen, was recht wackelig war. Aber insgesamt eine entspannte Fahrt, auf der ich sehr freundlichem und hilfsbereitem Personal begegnete. Ich fuhr bis Ahlbeck Grenze und von dort aus auf guten Wegen über die Grenze in Richtung Strand. Im Gegensatz zu vielen anderen Orten an der polnischen Ostseeküste wurde hier ein befestigter Weg direkt am Strand geschaffen mit Abzweigungen zu den Strandbars, Strandkörben und Aussichtsplattformen. Auch die Sanitäreinrichtungen sind behindertengerecht gestaltet worden. Und was mir besonders gefiel, war ein Bummel auf der Strandpromenade – hier kann man gut essen, trinken und shoppen.

Mein letzter Tag brach an. Ganz früh am Morgen fuhr ich noch einmal an den Strand – ziemlich weit hinunter ans Wasser. Am Strandzugang direkt neben der Seebrücke sind dafür Platten ausgelegt. Hier kann man sich auch einen Strandrollstuhl ausleihen, mit dem man mit Hilfe der Rettungsschwimmer baden kann. Kein Wind war an diesem Morgen zu spüren, so dass die Wasseroberfläche ein einziger glatter Spiegel war. Diesen Moment hätte ich gern festgehalten. Ich fühlte mich ein wenig, wie Otto Niemeyer-Holstein es empfunden haben könnte, als er sagte, er sei ein Teil vom Strand.

Montag früh. Der Schreibtisch wartete. Natürlich stand für mich die Frage im Raum, ob ich den Möwen ausreichend zugewunken hatte, um mich nun voller Tatendrang meinen alltäglichen Aufgaben zuzuwenden. Ehrlich gesagt, es fiel mir immer noch schwer, mich auf die Arbeit zu konzentrieren. Statt sofort einen Artikel über die Barrierefreiheit von Usedom zu schreiben, sann ich darüber nach, warum ich mir nicht gleich wieder ein neues Reiseziel aussuchte und meinen Koffer packte. Eins war mir dabei jedenfalls klar: Bei meiner nächsten Reise musste ich meine Mobilität im Vorfeld planen. Denn nur am Strand zu hocken und aufs Wasser zu starren, war mir einfach zu wenig.