Die Klausnerin oder ein Weg ins Freie

BERGURLAUB MIT ABSTAND – IN 80 TAGEN UM DIE WELT

Schon lange hegte ich den Gedanken, mich mit dem Sujet des Bergbildes zu beschäftigen. Andere Themen schienen jedoch wichtiger und interessanter. So stapelten sich Bergkalender, Zeitschriften, ausrangierte Bildbände und Sportkataloge in meinem Regal.

Was aber, wenn höhere Mächte einen lang geplanten Besuch der Schweiz untergraben? Wenn ein hinterlistiges Virus den Genuss eines idyllischen Bergpanoramas vereitelt?

Ich blieb zu Hause, nahm mir meine Ukulele und zupfte ein paar muntere Akkorde. Keine Schweiz – vielmehr Hawaii. Und da durchfuhr mich der Geistesblitz. Wie ein plötzlicher Wetterumschwung in den Pyrenäen hatte ich die zündende Idee: „Ich mache Bergurlaub!“ Statt Rucksack, Hut und Wanderstock gab es Leim, Schere und Phantasie. Alle Gebirge der Welt auf einer Wand. Meine eigene Terra incognita, die es zu erforschen galt.

Das erste Mal stellte ich meinem bildnerischen Entstehungsprozess ein Ultimatum. Wie Phileas Fogg wollte ich in 80 Tagen um die Welt. Von Patagonien über die Tatra zu den britischen Inseln, in den Himalaja und zurück ins heimische Elbsandsteingebirge. Ich würde von Australien nach Skandinavien huschen und phänomenale Abenteuer erleben.

Wie jeder überstürzt Reisende, hatte ich keinen Plan. Als erstes machte ich mich über das gesammelte Bildmaterial her. Etwas zögerlich zu Anfang, doch gewann ich Mut. Bei jeder neu entstandenen Collage überkam mich der Gedanke, ein Reisetagebuch zu schreiben.

Nun hatte ich aber mit meinen Bildern alle Hände voll zu tun. So verwarf ich den schriftlichen Teil. Stattdessen lenkte ich mein Augenmerk auf die übereinander geschobenen Gebirgsmassive aus Papier, auf die von mir gestalteten geologischen Verwerfungen, den müden Wanderer oder einen Berggeist.

Da ich nicht in die Royal Society aufgenommen werden wollte, gestattete ich mir, meine Expedition auszudehnen. Ich verweilte längere Zeit bildnerisch in Portugal, bevor ich mich einem romantischen Fleckchen in Neuseeland zuwandte.

Mein Wunderjahr ist in vollem Gange. Nach frühmorgendlichem Spaziergang ziehe ich mich in meine Künstlerklause zurück, wo schon ein alpiner Höhenzug darauf wartet, mit einem Gipfel auf Mauritius zu einem surrealen Bild zu verschmelzen. Erquicklich wühle ich mich durch Papierberge, um die richtigen Motive oder eine optische Pointe zu finden.

Diese verordnete Abgeschiedenheit hat etwas Schöpferisches, ist produktiv und befreit den Geist. Von Zeit zu Zeit beehrt mich mein Vater und kredenzt mir, wie der treue Diener Passepartout, eine Tasse Tee.

In 365 Tagen wähne ich mich tatsächlich in den Schweizer Bergen, um es nachzuholen, um Luft zu holen, und um mir ein Bild zu machen – diesmal aber mit dem Fotoapparat.

UND SONST?

Als bildende Künstlerin genüge ich mir in der Regel selbst. Ich hocke an meinem Arbeitsplatz und denke über Bildkompositionen und Perspektiven nach, mache mir Gedanken zum Format oder zur Farbgebung. Danach setze ich es um oder verwerfe es wieder. Es ist ein stetiger, pulsierender Arbeitsprozess.

Was hat sich also verändert? Es ist leiser geworden – wie angenehm. Der Himmel ist blauer geworden – das ist schön. Mein Leben hingegen hat sich nur geringfügig geändert. Ich muss meinen Assistenten zu mehr Botengängen schicken und das Jobcenter ist mit seinen Forderungen zurückhaltender geworden.

Existentielle Bedenken beschleichen mich nur dahingehend, dass der Mensch grundsätzlich zum Extremen neigt. Aus Hilfsbereitschaft wird Ablehnung und Ungeduld. Zorn entlädt sich. Wo gesunder Menschenverstand oder antike Stoa (Philosophie der affektfreien Vernunft/ unerschütterliche Ruhe) gefragt sind, werden Feindbilder (re)-konstruiert.

Um meine innere Ruhe nicht zu erschüttern, schreibe ich Postkarten. Selbst gestaltet mit viel Humor zur Freude meiner Umgebung. Unterdessen denke ich an das persische Sprichwort: „Auch Dies wird vorübergehen.“

Eva Jünger ist Bildende Künstlerin aus Dresden.