Am Leben Sein – denn wir haben nur das eine

Für Paul ist es nicht zu Ende. Er ist ein junger Mann, der gern Sport treibt und Cello spielt und mit 14 seine große Leidenschaft für die E-Gitarre entdeckt hat. Er ist wild, will unabhängig sein, Grenzen ausloten. Vor allem will er Musik machen. Er schreibt eigene Songs und träumt davon, ein guter Gitarrist zu werden, der die Menschen mit seiner Musik begeistert.

Mit 16 bekommt er schreckliche Wadenkrämpfe, die das Gefühl in ihm auslösen, er habe Muskelschwund. Sein Gang verändert sich und der linke Fuß platscht immer auffällig nach vorn beim Gehen. Die Suche nach der Ursache beginnt. Niemand kann und will glauben, dass es sich um ALS handelt. Eine solche frühzeitige Erkrankung ist höchst selten, meist bricht sie erst in der zweiten Lebenshälfte aus. Doch die Ärzte konfrontieren Paul letztendlich mit der bitteren Wahrheit, dass er noch etwa drei bis sechs Jahre zu leben habe. Er ist inzwischen 17 und will nicht sterben. Er will leben. So nimmt er den Kampf gegen die Krankheit an. Und trotzt ihr letztendlich acht Jahre ab.

Zunächst geht alles relativ normal weiter. Die Schule ist für ihn eher ein Nebenschauplatz, das Abitur schafft er mit Ach und Krach. Dafür spielt er wie besessen E-Gitarre – Hard Rock, Heavy Metal, Progressiv Metal, Rock, Blues, Jazz. Und hängt bis in die Morgenstunden mit Freunden in Bandräumen herum. Er bewirbt sich in Freiburg um ein Musikstudium. Aber er spürt damals bereits, dass seine Hände langsamer werden. Und er wird nicht angenommen. Schließlich studiert er an einer Privatschule in Wuppertal Filmmusikkomposition. Dafür nutzt er eine computergesteuerte Software als Alternative zum eigenen Musizieren. Er komponiert und setzt musikalische Projekte um, reist mit Freunden nach Amsterdam und Amerika, ist ständig unterwegs. Er verliebt sich. Er ist am Leben.

Paul – bewegungsunfähig, aber höchst kreativ., obwohl er selbst nicht mehr Gitarre spielen kann. Er ist auf diesem Foto zusammen mit seinen Freunden Franzi und Matze zu sehen, wie sie gemeinsam Musik machen.

Doch die ALS gönnt ihm kein Ausharren auf einem gleichbleibenden gesundheitlichen Level. Alle Bewegungen werden schwerer. Zunächst kommen die Gehstützen, dann der Rollstuhl mit Elektroantrieb. Besonders verzweifeln lassen ihn die schwindenden Kräfte in den Armen, denn ohne sie kann er nicht mehr Gitarre spielen. Und muss aushalten, dass seine zunehmende körperliche Schwäche auch dazu führt, dass seine sozialen Kontakte abnehmen.

Er tauscht die Gitarre schließlich gegen eine Kamera ein, mit der er das Leben einfängt, sein Leben. Er begibt sich auf die Suche nach Motiven, besonderen Perspektiven, ungewohnten Blickrichtungen. Und geht schließlich in seine Lieblingsstadt Berlin, um an der Humboldt Universität Amerikanistik zu studieren. Um in Berlin unabhängig und frei zu sein. Er findet tatsächlich eine kleine rollstuhlgerechte Wohnung in einem Studentenwohnheim im Wedding, die immerhin so groß ist, dass sein Stagepiano (Digitalpiano) und sämtliches Aufnahmezubehör nebst Boxen darin Platz finden. Denn die Musik begleitet ihn weiter. Ständig ist er in Kontakt mit wenigen, sehr guten Freunden. Mit ihnen hört er nicht nur Musik, er komponiert eigene Songs, die seine Freunde für ihn umsetzen.