Denjenigen zuerst versorgen, der es am nötigsten braucht!

Herr Prof. Latasch, der Begriff der Triage stammt ursprünglich aus der französischen Militärmedizin. Wir befinden uns nicht im Krieg, aber er lässt viele Menschen befürchten, dass jene zuerst behandelt werden, bei denen die Erfolgsaussichten, im Falle einer COVID-19-Erkrankung zu überleben, am größten sind. Was halten Sie von der Debatte um die Triage?

Der Begriff der Triage ist eigentlich nicht negativ belegt. Er stellt erst einmal nur fest, wer als allerstes versorgt werden muss. Wir haben den Begriff missbraucht. Die Deutsche Gesellschaft für Intensivmedizin und andere medizinische Fachgesellschaften haben ein Papier veröffentlicht, das den verantwortlichen Akteuren Entscheidungen über die Zuteilung von Ressourcen in der Notfall- und Intensivmedizin im Kontext der COVID-19-Pandemie erleichtern soll.Diese Empfehlungen gehen zum Beispiel davon aus, dass es wahrscheinlich ist, dass auch in Deutschland in kurzer Zeit und trotz bereits erfolgter Kapazitätserhöhungen nicht mehr ausreichend intensivmedizinische Ressourcen für alle Patienten zur Verfügung stehen könnten, die ihrer bedürften. Jetzt sagen sie, sie seien falsch verstanden worden und sind zurückgerudert aufgrund der Proteste der Behindertenverbände. Ich fand dieses Papier nicht so gut. Zu Beginn der Erarbeitung des ärztlichen Teils der Stellungnahme des Deutschen Ethikrates war ich fast so weit, ein Sondervotum abgeben, denn ich hatte das Gefühl, als Feigenblatt von Herrn Spahn zu dienen. Ich bin nach wie vor der Meinung, dass Juristen nicht über Triage entscheiden dürfen, ihnen fehlt die medizinische Erfahrung. Die Stellungnahme des Ethikrates ist letztendlich ein Kompromiss.

Wer soll denn Ihrer Meinung nach zuerst behandelt werden, wenn es tatsächlich nicht genug Kapazitäten gibt?

In der Krise muss derjenige zuerst versorgt werden, der es am nötigsten braucht. Ich traue mir heute, obwohl ich viele Jahre als Notfall- und Intensivmediziner gearbeitet habe,nicht zu, nach kurzer Zeit einzuschätzen, wer die meisten Überlebenschancen hat. Das können wir oft selbst nach 14 Tagen nicht. Was ist das für eine ärztliche Arroganz? Wer bin ich als Arzt? Wir können anhand der Laborwerte einiges ablesen, zum Beispiel die Sauerstoffsättigung, wie schlecht es dem Patienten in dem Moment geht. Aber Prognosen über seine Überlebenschancen können wir kurzfristig nicht treffen. Es gibt keine Lösung – wir können nur entscheiden, wer die Behandlung am nötigsten braucht.

In den von den medizinischen Fachgesellschaften formulierten Empfehlungen werden in Hinblick auf die Entscheidungshilfe auch solche Kriterien wie Gebrechlichkeit angelegt. In den verabschiedeten Empfehlungen einzelner Kliniken in Bezug auf die Triage werden sogar Kriterien wie das Alter oder das Vorliegen von kognitiven Einschränkungen genannt. Was sagen Sie dazu?

Wenn ein 19-Jähriger mehr wert sein sollte als ein 80-Jähriger, wäre das an Perversität nicht zu überbieten. Das verstößt gegen jegliche Moral und Ethik. Wir brauchen darüber eine gesellschaftliche Diskussion. Die unmittelbaren Entscheidungen aber können aus meiner Sicht nur Ärzte treffen. Nehmen wir ein Beispiel: Ein Arzt hat ein Beatmungsgerät und fünf Patienten. In dieser Situation gilt in der Triage immer der Satz: Egal, wie groß das Schadensereignis ist, es wird zuerst der behandelt, der es am meisten braucht, und zwar unabhängig von Alter, Herkunft, Vorerkrankungen oder sonst etwas. Selbst die Überlebenschancen spielen in diesem ersten Moment keine Rolle. Die Entscheidung hängt allein vom medizinischen Zustand, also den Vital- und Labordaten ab. Wenn fünf Patienten gleichzeitig ins Krankenhaus kommen, muss ich entscheiden, wer noch ein wenig warten kann und wen ich sofort behandeln muss. Dies kann der älteste Patient mit den schlechtesten Labordaten sein. Wenn ein Patient aber erst mal an einem Beatmungsgerät hängt, ist es juristisch verboten, es wieder abzunehmen, auch wenn ein anderer damit primär eine größere Überlebenschance hätte. Ich darf das Beatmungsgerät nicht wieder abschalten. Das bedeutet unter Umständen: Vier werden sterben. Ich habe keine andere Möglichkeit als Arzt. Niemand kann anordnen, wer das Recht auf Leben hat und wer nicht. Das ist auch die Position des Ethikrats.

Wie schätzen Sie denn die lebensrettenden medizinische Ressourcen im deutschen Gesundheitswesen ein? Müssen wir uns Sorgen machen, dass die Triage in Deutschland Realität werden könnte?

Zum jetzigen Zeitpunkt ist Deutschland in Europa wohl am besten aufgestellt. Italien, Frankreich und Spanien haben sich „gesund” geschrumpft. In Frankreich sind dadurch tatsächlich ein paar furchtbare Dinge passiert. Da bekommt jemand, der 80 Jahre alt ist und in einem Pflegeheim liegt, kein Beatmungsgerät mehr, sondern Opiate und Schlafmittel. Das ist Tötung durch Unterlassung und ich hoffe, dass wir dies nie erleben werden. Deutschland verfügt über 28 000 Intensivbetten, zirka 24 000 mit Beatmungsmöglichkeit. Davon waren zu Beginn der Krise etwa 70 bis 75 Prozent belegt, zum Beispiel mit Patienten nach großen Operationen oder mit Menschen, die schwer an der saisonalen Grippe erkrankt sind. Deutschland verfügt zudem über etwa 10 000 Rettungsfahrzeuge. Aus diesen könnte man in der gegenwärtigen Situation etwa 90 Prozent der Beatmungsgeräte entnehmen, um die Kapazität für die Covid-19-Patienten zu erhöhen.

Es gibt aber auch Stimmen, die behaupten, dass das deutsche Gesundheitssystem kaputtgespart wurde.

Das deutsche Gesundheitssystem ist nicht kaputtgespart worden. Wir jammern auf einem sehr hohen Niveau, das man sich so nicht vorstellen kann. Warum sterben in den USA farbige Amerikaner überdurchschnittlich oft an Covid-19? Obama hatte versucht, wenigstens ein Minimalsystem der Krankenversicherung einzurichten. Das wird jetzt wieder zurückgefahren. Unser System in Deutschland ist dagegen extrem gut, auch wenn man an einigen Ecken sparen könnte. Bei uns erhalten auch diejenigen, die nichts ins System einzahlen, medizinische Versorgung, seien es Arbeitslose, Obdachlose, etc. Dafür bin ich bereit zu zahlen.

Und was sagen Sie zum Pflegenotstand?

Der Pflegenotstand ist tatsächlich eine Katastrophe, gerade jetzt in der Krise. Aktuell fehlen zirka 15 000 Schwestern und Pfleger. Das sind jedoch die, die das System aufrechterhalten. Zudem werden die arbeitenden Krankenpfleger und Schwestern an den Rand ihrer Belastungsfähigkeit kommen. Sollten die Krankenhäuser wider Erwarten komplett ausgelastet sein, kann es an Pflegepersonal mangeln, das die Geräte bedient und die Patienten versorgt. Die Personalnot kann uns das Genick brechen. Hinzu kommt: Je länger die Schwestern und Pfleger den infizierten Patienten ausgesetzt sind, umso größer ist die Gefahr der Ansteckung. Auch das hat man in Italien und Frankreich deutlich gesehen. Die geplante Sonderprämie finde ich gut, aber noch ist nicht klar, wer zahlt. Und damit ist es auch nicht getan. Die Lösung ist auch nicht, dass wir 1000 Kliniken zumachen, damit würden wir das System wirklich an die Wand fahren. Die kleinen Kliniken sind wichtig. Wir schmeißen derartig viel Geld raus, da können wir uns auch die kleinen Kliniken leisten.

Können Sie – vor allem für die vielen Menschen aus den Risikogruppen – etwas zur Maskenpflicht sagen? Wie kann man sich wirkungsvoll vor dem Virus schützen?

Das hätte man von Anfang an machen sollen, dann wäre der Spuk jetzt vorbei. Für Risikopatienten sind FFP2-Masken sinnvoll. Aber wir haben davon nicht genügend. Allein die Frankfurter Uniklinik verbraucht 110 000 Masken pro Jahr bei normalen Operationen. Und auch eine FFP2-Maske kann man nur zweimal desinfizieren, dann geht der Virenschutz verloren. Insgesamt haben wir in Deutschland einen Bedarf von mehreren Mrd. Masken.

Sollten sich denn Angehörige der Risikogruppen, so wie manche es tatsächlich tun, komplett isolieren? Vielleicht sogar so lange, bis ein Impfstoff auf dem Markt ist?

Es ist überhaupt nicht klar, ob wir einen Impfstoff finden werden. Für HIV zum Beispiel gibt es immer noch keinen Impfstoff, wenngleich inzwischen gute Therapien. Sollen wir also für den Rest unseres Lebens nicht mehr rausgehen? Selbstverständlich sollen wir rausgehen, aber dann eine Maske tragen, eine medizinische, keine selbstgenähte. Das ist auch das Problem in den Alten- und Pflegeheimen – wie können wir dort die Menschen schützen? In Frankfurt werden die Alten- und Pflegeheime übrigens ab Montag wieder geöffnet. Generell heißt das: Wir müssen Service anbieten, wir brauchen die Möglichkeit, Schnelltests durchzuführen und diejenigen, die negativ getestet werden, können wir reinlassen.

Wie schätzen Sie denn die Gefährlichkeit des Corona-Virus´ generell ein?

Nun, ich habe zunächst gedacht, dass die Erkrankung wie eine normale Grippe verlaufen wird. In der Hinsicht musste ich mich revidieren. Das Virus ist deutlich gefährlicher als die Grippe, weil wir noch viel zu wenig darüber wissen. Jeden Tag gibt es neue Komplikationen – nicht nur die Atemproblematik. Es gibt zum Beispiel oft Gerinnungsstörungen, die durch Thromben verursacht werden. Ich bin für die Literaturdatenbank des Corona-Medizinboards der AGAPLESION AG verantwortlich. So sind den vergangenen sechs bis acht Wochen rund 40 000 Arbeiten erschienen, manchmal fällt es schwer, den Überblick zu behalten. Doch es geht meiner Meinung nach nicht nur um den medizinischen Aspekt. Man hat den Eindruck, es handele sich um einen politischen Machtkampf. Und wer hier als Sieger hervorgeht, wird der neue Bundeskanzler. Dabei werden 100 000e Existenzen vernichtet und die Großen werden es besser überleben als die Kleinen.  

Halten Sie die von der Politik angeordneten Schutzmaßnahmen für überzogen?

Ich denke, die Wertigkeit stimmt nicht. Und in dem Zusammenhang muss ich Schäuble Recht geben: Der Schutz des Lebens ist nicht absolut. Meiner Meinung nach ist der Ansatz, den Schweden verfolgt, der bessere, denn wir brauchen irgendwann eine Herdenimmunität. Wo soll das Virus hin? Es wird nicht die Koffer packen. Diese Denklogik ist nicht nachvollziehbar. Das Virus wird uns noch lange begleiten. Dabei werden wir in der nächsten Zeit zwei Dinge beobachten können: Zum einen wird es Riesenprobleme in der Gesellschaft geben – hier beginnt bereits ein sichtbarer Egoismus zwischen Alt und Jung („dies ist eine Erkrankung der Alten, was habe ich damit zu tun”). Zum anderen werden sich diejenigen, die sich finanziell nicht mehr erholen, zum Teil von der Gesellschaft abwenden. Wie sollen wir dann ein friedliches Miteinander wiederfinden?

Wie gehen Sie persönlich mit der Situation um? Haben Sie Angst?

Ich gehe völlig normal in den Alltag rein. Es gibt einfach Gefahren im Leben, die ich nicht ausschließen kann. Man sollte nicht leichtsinnig werden, aber man darf keine Angst bekommen. Dann fängt man sich was ein. Wir sollten zum täglichen Geschäft übergehen. Aber die Politik wird sich nicht trauen, schneller als in drei bis sechs Monaten zur Normalität zurückzukehren.